Denkste. In
Bilbao am Flughafen, wo ich das Problem der Entsorgung des grossen
Pappkartons, der mein Fahrrad auf dem Flug bestens beschützt
hatte, dank einer freundlichen Putzfrau ohne Aufwand lösen
konnte, kam ich erst gar nicht auf den Gedanken, mich aufs Rad zu
schwingen. Denn ich konnte die Reifen, die zum Transport in der Luft
ohne Luft sein sollten und die mir die Werkstatt samt den
Mänteln ausgewechselt hatte, nicht wieder mit Luft
füllen. Die Pumpe passte nicht mehr auf die Ventile der neuen
Schläuche. Und das Pümpchen, das ich bei Aldi gekauft
hatte, funktionierte gar nicht.Dem Heulen aber keinem Ausweg nahe fragte ich einen Taxifahrer, ob er denn wisse, wo in Bilbao ein Fahrradgeschäft sei. Freilich wusste der. Aber Pech gehabt, mein Rad und mich und mein Gepäck könne und wolle er nicht transportieren. Also den nächsten Taxifahrer weiter hinten in der Schlange gefragt, der ein Auto hatte, das uns alle hätte fahren können. Aber der wusste kein Geschäft. Er hat dann einen Mercedes-Taxifahrer gefragt, dieser wußte ein Geschäft und mit Hilfe einer Ansammlung von Taxifahrern demontierten wir mein Radl und zwängten es zwischen dem Rücken der Vordersitze und der hinteren Sitzbank quer hinein. Satteltaschen, Rucksack und Lenkertasche in den Kofferraum, ich neben den Fahrer, so ging die erste Etappe des Camino los, auf der Suche nach einem Fahrradgeschäft: Es war spät geworden, so gegen fünf Uhr abends. Unterwegs nach Bilbao fragte
er, welche Richtung ich denn wolle und ich sagte ihm, raus aus der
Stadt ans Meer, in Richtung Castro-Urdiales. Er meinte dass wir Zeit
und Geld verschwenden würden, wenn wir jetzt nach Bilbao
hinein fahren, es sei denn, ich wolle mir die Stadt ansehen, was ich ja
nicht vorhatte, die kam mir vom Flugzeug aus eh sehr hügelig
vor und es gab nur eine Art Autobahn in die Stadt hinunter. Also
stimmte ich zu, dass wir nicht nach Bilbao, sondern direkt nach
Castro-Urdiales fahren. Das Dorf lag auf meinem Weg und er wisse, dass
es dort ein Fahrradgeschäft geben würde. Der
Taxameter lag etwa bei so 35 Euro, das war zu verkraften. In
Castro-Urdiales, das ich von unserem Urlaub von vor zwei Jahren her
noch in guter Erinnerung hatte und das perfekt wäre
für die erste Übernachtung, fragte sich der
Taxifahrer nach dem Ort des Radgeschäftes durch und direkt
neben diesem war sogar eine Pension. Aber an der verschlossenen
Tür des Eingangs zum Showroom hing ein Schild, das auf Deutsch
so hieß: "Wegen Urlaub bis 2. Nov geschlossen." So lange
wollte ich nicht warten. Der Taxifahrer fluchte. Ich hatte noch nie so eine lange Latte von Flüchen und Beschwörungen aller Heiligen gehört; auf was er sich denn da eingelassen habe und zu Hause warte die Frau, mit der er noch Besorgungen machen müsse. Und mittlerweile war es knapp vor halb sechs Uhr. Er fuhr zum tanken. Der Tankwart wusste, dass es in Laredo, kein Fahrradgeschäft gab, aber gleich danach, in Colindres, ziemlich in der Ortsmitte. Mir blieb keine Wahl. Auf nach Colindres. Dort hatten wir uns schnell durchgefragt, alles klappte viel schneller als in Castro. Mein Taxifahrer hatte es auf einmal eilig. Der Taximeter stand bei 60 Euro. Die Leute im Fahrradgeschäft schauten sich ein Fussballspiel im Fernsehen an. Und nach einer Weile mein Rad. Und die Aldi-Pumpe. Und fingen an zu lachen. Einer sagte, "una pieza rota", auf Englisch "a piece of crab", auf Schwäbisch "A Glumpp". Dann ließ er ganz langsam aus seinem Druckluftschlauch die Luft in beide Reifen und plötzlich hatte mein Bici mit prall gefüllten Reifen einen Status, der ihm gebührte. "Nice bike", sagte der Mechaniker, und nein, kosten würde das nichts. Aber in Colindres gäbe es keine Pension, wir müssten zurück nach Laredo, dort hätte es mehrere, und Hotels. Also Radl wieder demontiert und in den Mercedes verstaut und zurück nach Laredo. Dort hat sich mein Taxifahrer nach einer Privatpension durchgefragt; er hatte es sich in den Kopf gesetzt, mich zu einer Pension zu bringen, wahrscheinlich wollte er mir wegen des Taxipreises Geld sparen helfen. Er half auch, das Gepäck über die Strasse zu tragen und der alte Mann, der das Zimmer vermietete, hatte es, während ich ich die Rechnung beglich, mit nach oben getragen in den dritten Stock. Dorthin verfrachtete ich auch das Radl. Ich habe Marina nie gesagt, was das Taxi gekostet hatte, Jetzt weiß sie es: Auf 83.70 Euro stand die Uhr. Aber es waren meine ersten 70 km auf dem Pilgerweg. Und Gott sei Dank am Anfang, denn nur die letzten 200 km muss man mit dem Rad gefahren sein, oder 100 km zu Fuss. Irgendwie war ich froh und dankbar über dieses Missgeschick, denn nach Bilbao hinein und aus der Stadt heraus oder bis hierher, das waren alles nur ineinander verlaufene Industriegebiete, ran ans Meer, hoch auf die Berge, durch die Industrie - das wäre für den ersten Tag kein schöner Anfang gewesen. So hatte ich ein gutes Radl und eine gute Strecke gemacht, das hat zwar Geld gekostet, aber: Abgehakt. Ich ging am gleichen Abend noch zum Verkehrsbüro in Laredo und besorgte mir einen wirklich wichtigen Führer, den jeder Pilger haben sollte, mit den verschiedenen Caminos in Cantabria, Galicia, Asturias, Pais Vasco, einen Plano general und einem Stadtplan von Santiago, sowie meinen ersten Stempel im Pilgerpass auf der lokalen Polizeiwache. Nebenan in der Bar, wo an zwei Tischen alte Männer Karten spielten und der Rest dem Ende des Fussballspiels zuschaute, genehmigte ich mir meinen ersten Fino von Tio Pepe mit einem Croissant. Der erste Tag war prächtig gelaufen. Pro Kilometer etwas mehr als einen Euro.
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