Bei den
Protestanten feiern sie heute Reformationstag, und ich meinen
Geburtstag, hier im Zentrum der Pilgerscharen aus aller Welt. Wir waren
gestern noch in der Kirche, aber wir hatten nicht die Zeit, alles
anzusehen und zu tun, was erforderlich gewesen wäre, um die
Pilgerfahrt erfolgreich abzuschließen. So haben wir nur zwei
Kerzen angezündet, eine für Königin Mutter
und eine für uns. Und uns entsprechend dem Rat der Dame vom
Pilgerbüro heute schon gleich nach dem
Frühstück an der Heilige Pforte angestellt; aber es
war fast niemand da und wir konnten in Ruhe und Besinnung die Arme um
den Heiligen Jakobus legen, in der
Krypta Muse finden, am silbernen Schrein mit den Gebeinen zu verweilen
und noch vor der Pilgermesse an der Mittelsäule der Portico de
la Gloria die Hand in die seit Jahrhunderten entstandene
Ausprägung einer glatten Hand aus Stein zu legen, sich zu
verbeugen und ein Dankgebet zu sprechen. Und die Kerzen
anzuzünden für alle meine Engel, Freunde und die
Menschen, die ich mag und mit denen ich dieses Erlebnis gerne geteilt
hätte.Und dann fanden wir direkt neben dem Altar zuerst zwei Stehplätze und dann, als zwei Leute neben uns überraschend wieder gingen, sogar zwei Sitzplätze eine halbe Stunde vor der Pilgermesse um zwölf Uhr, denn die Kathedrale platze aus allen Nähten. Der Bischof, den ich im Fernsehen beim Händedruck mit Kronprinz Felipe gesehen hatte, begrüsste in sechs Sprachen die Pilger aus aller Welt und als er auch mich und die Deutschen in unserer Muttersprache Willkommen hiess, da war auch ich ein Pilger geworden. Ein Österreicher, der am 1. Mai in Budapest gestartet war und am Samstag nach 4.000 km zu Fuss mit mir angekommen war, sang das Lied von Simon & Garfunkel, "Sound of Silence". In der Kathedrale war es ganz still und jeder dachte im Stillen an das, was ihn bewegt hatte, hierher zu kommen. Welche Faszination des
Glaubens und der Hoffnung, trotz aller Kommerzialisierung, die dazu
gehört wie das Weihwasser oder der Weihrauch in der Kirche.
Der mit dem aus Silber und Messing bestehenden 50 kg schweren Kessel
Botafumeiro an von Mönchen gezogenen Seilen durch das Schiff
geschleudert wird, 70 m hoch von Decke zu Decke, knapp zehn Zentimeter
über die Holzschranken hinweg, die die kirchlichen
Würdenträger von den Gläubigen trennt. Und
wenn ein Mönch dann den Kessel fängt und zweimal
herumgeschleudert wird von der Wucht des Fliegens, bevor der Kessel zum
Stillstand kommt und wieder an den Seilen hinaufgezogen wird zu seinem
Platz vor dem Altar, dann klatscht die Gläubigenschar
enthusiatisch Beifall. Das gehört auch dazu wie das Abendmahl
danach oder die Beichte, zu der sie anstehen.Als wir die letzten Kerzen angezündet hatten und in den Andachtsraum gingen zum beten, da kehrte eine Stille ein hinter den verschlossenen Türen, dass sich Ruhe breit machte in meinem Herzen und in meiner Seele und ich den Geräuschpegel in der Kathedrale gar nicht mehr hörte, einfach ignorierte. Aber ich wollte trotzdem nach draussen, in die Sonne, auf den Platz vor der Heiligen Pforte, vor der wieder die Menschen in langen Schlangen warteten. Und das wird weiter so sein, jeden Tag, noch bis Silvester. Und dann feierten wir Geburtstag. Auf ganz neue Art. Mit dem Dank, dass ich es geschafft hatte. Und der Gewissheit, dass ich es noch einmal schaffen möchte. Später beim Verpacken des Fahrrades stellte ich fest, dass die Pumpe, die zu der langen Taxifahrt zu Beginn der Reise geführt hatte, gar nicht mehr da war. Ich hab sie wohl im Kofferraum des Taxis vergessen. Aber gebraucht hatte ich sie auf den ganzen 670 km ohnehin nicht. ![]()
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