Am Abend in der
Ortskneipe Bar Cafe Real, die mir die perfekt Englisch sprechende
Chefin des einzigen Hotels am Ort, das in der nächsten Woche
seine Tore schliesst, ans Herz gelegt hatte, war die Welt wieder in
Ordnung in Sobrado de los Monxes. Eine dampfend heisse
köstlich hausfraulich zubereitete
Hühnerbrühe-Nudelsuppe, auf der die Fettaugen beinahe
über den Suppentellerrand schwappten, ein perfekt gegrilltes
Schnitzel nature, das dann wirklich beidseitig über den
Tellers hing, eine Flasche Rotwein auf dem Tisch, ein Flan und
herrlich-frisches Bauernbrot - und das alles für sieben Euro -
es war nicht nur wegen eines winterlich-kalten Regentages auf dem
Camino das beste Essen, das ich auf dieser Reise hatte, es war der
beste Abschluss des vorletzten Tages vor dem Ziel, weil zum Essen der
Kanarienvogel mit seinem Gesang den Fernseher
übertönte und sonst keine Gäste im Lokal
waren, die Krach hätten machen oder meine innere Ruhe
hätten stören können.Ich war allein mit mir und einem guten Essen in Sobrado de los Monxes, das ich nach 62 regnerischen Kilometer von Vilalba erreicht hatte, bekannt durch seine Kirche und dem Kloster Santa Maria aus dem 10. Jahrhundert (und jetzt auch durch seine Cafe Bar Real). Im gelben Radler-Regencape Zweimal waren Tankstellen die letzte Rettung vor einsetzenden Gewittern, einmal war es mittags eine Bar, in die ich gleich zweimal zurückkehrte, weil ich nach einem halben Kilometer wieder reumütig vor dem nächsten Gewitter in die warme flüchtete. Und einmal war es in Guitiriz sogar ein Friseursalon, den ich gerade noch erreichte und mir die Angestellte Asyl gewährte, bevor die später dazugekommene herb-hübsche Chefin nach meinen deutschen Sprachkenntnissen befragte. Sie dachte, ich sei ob meines amerikanischen Radtrikots "El Americano", wobei diese Bezeichnung mich fast die ganze Fahrt über begleitet hatte. Deutsch deshalb, weil ich, als der Regen aufhörte und ich vom Postbüro zurückkam, von der Angestellten wieder in den Salon gewinkt wurde. Die Chefin stellte mir Bruno vor, 13 Jahre jung und perfekt deutsch sprechend. Er kam vor einem Jahr mit seinen Eltern aus der Schweiz hierher in ein Dorf am Ende der Welt mit einer 2 km langen Hauptstrasse, an der sich das Leben abspielte. Bruno erklärte mir den Weg und die Chefin sagte Vaja con Dios. Apropos Post: Sie lag direkt gegenüber und ich suchte seit Tagen Marken für die Karten, die ich schon geschrieben hatte. Aber das junge Fräulein am Schalter gab mir nicht nur diese, sondern auch kostenlos genügend von den Sonder-Santiago-Postkarten, die die spanische Post als Sponsor des Heiligen Jahres aufgelegt hat. So konnte ich allen Freunden zu Hause die freudige Botschaft übermitteln, dass ich den Weg gemacht hatte. Den sechsten und letzten Unterschlupf des Tages suchte ich an der Hauptstrasse unter dem Balkon eines Bauernhofes. Als später im Donner die Bäuerin dazukam und mich vor den Gewitterwolken fotografierte und dann nach dem Ziel fragte, lachte sie, als ich ihr erklärte, dass ich nach Sobrado wollte. "Da sind Sie falsch, da hätten Sie im letzten Dorf abbiegen müssen". Aber ich bin doch an dem Kreisverkehr abgebogen. "Ja, aber in die falsche Richtung. Nach Sobrado führt diese Strasse nicht, sondern auf direktem Wege nach Santiago." Offensichtlich konnte ich mich von meiner so geliebten # 634 Endlich Ruhe, keine Autos, keine Laster, noch zwölf Kilometer, es wurde schon Dunkel, aber es begann, wieder zu regnen. Meinen Bedarf an Tankstellen hatte ich an diesem Tag schon verschliessen, es kamen keine Dörfer mehr, keine Häuser, es gab nur Kälte und Regen und auf einer Anhöhe Schnee. Dort hatte ein Gewitter zuvor Hagelkörner auf die Erde gefegt, die jetzt als kleine Schneehaufen zurückgeblieben waren. Obwohl ich dreimal von innen nass geworden war und so oft auch die Wäsche gewechselt und jetzt nichts mehr Trockenes anzuziehen hatte, die warme Heizung in dem Hochzeitszimmer im einzigen Hotel am Platze, der Tipp mit dem Lokal für den Abend, der Deutsch sprechende Bruno, die hübsche Chefin, der Kanarienvogel, die herrliche Wolkenstimmung vor dem Gewitter, die Rückkehr auf den richtigen Weg, die kostenlosen Postkarten, 30 Minuten heiße Dusche und die Aussicht, in zwei Tagen am Ziel zu sein - das alles waren an diesem Tag genügend Sonnenstrahlen, die mich davon abgehalten haben, zu keiner Minute auch nur in Ansätzen über Mühsal oder gar Aufgeben nachzudenken. Ehrlich.
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