Bilder Camino 2007 - 1    Bilder Camino 2007 - 2


Das Paradies der blühenden Landschaften ist nur im Mai geöffnet und zu besichtigen, wenn der, der den Camino macht, Augen hat zu sehen und Sinne, um zu fühlen. Die Landschaft des roten Mohns, der Anfang Mai noch überall herausragt aus dem jungen satten Grün des Korns und viel mehr ist als nur der Farbtupfer darin, passt sich auf wundersame Weise Spaniens grünem Norden am Meer an: Wie Wellen wogen Mohn und Korn im Wind und machen aus einem nach der Ernte im Sommer eher braunen Landstrich für ein paar Tage ein Paradies fürs Auge.

Wer den Camino macht mit dem Rad und den Weg de la Costa wählt, tut gut daran, sich für diese Strecke schnellstens zu entscheiden, denn nicht mehr allzu lange wird sie noch mit dem Bike zu befahren sein; dort hinten im Norden und Nordwesten der spanischen Halbinsel betonieren sie einen weiteren großen Teil der Verkehrswege für die Autobahn zu, was für mich völlig unnötig erscheint und eine sinnlose, von der EU und somit von uns allen finanzierte Geldverschwendung ist.

Wer den Camino macht mit dem Rad (wie wir im Main/Juni 2007) und sich für den Camino de la Costa entscheidet, der hat sich wohl zum letzten Mal für eine Strecke entschieden, die an der Küste beginnt und noch alles beinhaltet, was die Natur im Frühjahr zu bieten hat. Nicht, dass man jetzt besonders schnell zu fahren hätte – für Tempobolzer auf dem Radl verflüchtigt sich das Bild ja ohnehin viel schneller und die bleibenden Eindrücke sind auf die Pausen und Kilometersteine beschränkt – aber es ist zu befürchten, dass schon jetzt einige bis viele und in absehbarer Zeit die restlichen Kilometer der verschiedenen Carreteras an der Küste in die neue Autobahn auf- und eingehen und daher für Radler nicht mehr zu befahren sind. Die müssen dann zurück auf die klassische alte Nationalstraßen mit ähnlichen oder gleichen Nummern und dem kleinen a) als Ergänzung, die aber in hunderten von Kurven vom Meer in die Berge und von Ort zu Ort kurvenreich auf Berge und Hügel führt, und dann wieder mal zurück zum Meer, Nur eben nicht und nur nicht schnurstracks am Meer entlang, sondern immer wieder weit weg davon. Da haben sich die Spanier den Luxus erlaubt, nach dort hinten manchmal drei Strassen parallel zu bauen und ihnen auch noch verschiedene Nummern zu geben.

Ab dem Baskenland, ab San Sebastian also über Bilbao (wo mein erster Camino de la Costa begonnen hat, siehe unter www:camp-verlag.de) und Santander bis nach Llanes ist es die # 634. Dann wird das die Autoroute bis Ribadasella und heißt auf einmal #632; sie führt nach Gijon hinein und von dort heraus als die neue Nummer 641, die in Aviles aber # 643 heißt, danach wird es die # 633 und um Cudillero herum führt sie wieder als # 632 weiter bis nach Luarca. Erst ab dort heisst die Carretera wieder wie gewohnt # 634 und führt über Ribadeo, Mondondeno und Guitiriz wie das Wunder selbst direkt nach Santiago de Compostela. Man möchte es fast nicht glauben. 

Das schlimme daran ist, dass manche Abschnitte übergangslos in eine Art Autobahn übergehen, auf der Radler neuestens nicht mehr fahren dürfen. Das haben wir erlebt, als bei einer Ausfahrt uns wild gestikulierende PKW’-Fahrer entgegengekommen sind, die uns bedeutet haben, dass selbst die Benutzung des Randstreifens für Radler verboten ist. Diese Irrfahrt hat uns viele km an Umweg gekostet, aber einige Kilometer weiter wurde dann erneut am Ausbau der Nationalstrasse zur Autobahn gearbeitet und neue Brücken gebaut oder bestehende erweitert und wir mussten oder konnten da inmitten von Kilometer langen Baustellen doch wieder den Stand- und Randstreifen benutzen, was wochentags bei den vielen Trucks und Baufahrzeugen ziemlich gefährlich war. Und obendrein noch laut.

Wir sind wie gesagt diesmal von Santander aus gestartet, am Pfingst-Sonntag im Nieselregen und hinein in so heftige Böen, dass wir bei Aufstiegen absteigen und bei Abfahrten heftig treten mussten, um überhaupt vom Fleck zu kommen. Wir, Erwin und ich und seine Tochter, Leichtgewicht Carolyn, die auf diesen ersten Etappen oftmals beinahe von Windböen vom Radl geblasen worden wäre, haben durch diesen heftigen Gegenwind schon am ersten Tag des Caminos unsere ganzen Sünden getilgt. Auch deshalb, weil uns gleich am Anfang der Strecke, die nach drei Jahren immer noch nicht besser ausgeschildert war, auf die Frage nach dem Weg drei Spanier tatsächlich vier verschiedene Richtungen angezeigt hatten. Die, die wir genommen haben, war dann prompt die falsche und wir mussten leider wieder umkehren. 

Von San Vicente sind wir am Pfingstmontag, an dem die Spanier wieder ganz normal gearbetet haben, nach Ribadasella gefahren über die Berge und waren dort total alleine inmitten von vielen Bauernhöfen und Weideflächen und vielem Sidra in den Kneipen, wo wir am Abend eine gefunden haben, in der es das Nationalgericht von Asturien, La Faldana, gab. Der letzte Anstieg nach Gijon heißt La Esperanza und ließ uns hoffen, dass wir nachmittags an diesem wunderschönen Strand auch noch etwas Sonne erhoffen durften. Das Warten hat sich gelohnt: Zuerst war der Wind weg und dann kam die Sonne raus und Caro streckte sich im Sand den Strahlen entgegen. Nach den kühlen Temperaturen zu Beginn des Camino waren die 23 Grad in Gijon herzlich willkommen, auch von den Einheimischen, die den schönen Tag zum Baden im Atlantik nutzten.

Aus Gijon heraus auf der # 632, das wurde zum Alptraum. Die ewig lange Baustelle, dazu einige Tunnels, die gefährlich waren zu fahren, und die Umwandlung der # 632 in eine Autobahn wird zum Tod des Caminos auf diesem Abschnitt. Wir haben glücklicherweise einen Weg gefunden weg von diesem Verkehrsfiasko, mussten dann aber einige Zeit investieren, um eine Übernachtung zu finden. Das einzige Hotel in Cadavedo hatte geschlossen; wir fanden mit Hilfe der Leute aus dem Dorf die Herrin mit der Schlüsselgewalt über die Häuschen im Campingplatz La Regalina (mit herrlichem Blick auf das weit entfernte Viadukt für die Autobahn) und genossen den Abend in der untergehenden Sonne mit gutem Vesper, viel Sidra und einiges an Wein auf der Terrasse unseres Ferienhäuschens.

Die fünfte Etappe nach Ribadeo (die Etappen sind im Statistikteil separat aufgelistet) führt über fast zehn Kilometer schnurgerade an die Peripherie der Stadt und über die bekannte, weithin sichtbare Brücke über die Bucht – und diese 10km waren eine einzige enge Baustelle für eine zweite Fahrbahn. Mit einspuriger Verkehrsführung und heftigem Gegenwind. Eine Tortur also für uns, die wir bereits 60 km unterwegs waren. Und gefährlich war es noch dazu. Für mich auch wieder eine Verschwendung an Steuergeldern und der Tod für die Camino-Radler:

Nach dem Umbau wird auch diese Strasse Autobahn und gesperrt für uns Radler und die Fussgänger.
In Ribadeo verfallen die Häuser immer mehr; die Erosion hat gegenüber meinem letzten Besuch in dieser nicht wirklich schönen Stadt gewaltige Fortschritte gemacht. Am Hafen treffen wir ein Ehepaar, das uns auf Deutsch anspricht, ob wir Deutsche seien. Sie haben vor 40 Jahren beide in Hamburg gearbeitet und dort noch Verwandte, sich aber jetzt in Ribadeo zur Ruhe gesetzt. Das hätten sie auch in Hamburg getan, „aber in Hamburg sind jetzt viel zu viele Ausländer“, sagen uns die Spanier.  

So langsam kommen die Erinnerungen deutlicher zurück von der Tour vor drei Jahren. In St. Lourenza holen wir wieder die Stempel für den Pilgerpass in der Gemeindeverwaltung an der Kathedrale und finden die alte # 634, die uns zunächst in völliger Abgeschiedenheit durch Wälder und Wiesen Richtung Mondondeno bringt, bis wir dann doch wieder auf die neue Strasse kommen, auf der viel Verkehr herrscht. Davor aber haben wir viele Pilger zu Fuß gesehen. In Mondondeno war die Kathedrale sehr gut besucht, wohl auch wegen der Ausstellung über den Camino, die dort gerade zu besichtigen war und sehr gut beschützt worden ist. 

Mein Cafe Central, wo ich vor drei Jahren gewohnt und gut und günstig gegessen habe, hätten wir fast nicht mehr gefunden. Die Zimmer waren noch die gleichen, das Essen auch, die Fahrräder haben wir auf der Strasse übernachten lassen und am anderen Morgen sind wir bei strahlendem Sonnenschein in die 12 km Anstieg gegangen, der am Anfang aus dem Ort heraus steil und heftig war, den wir aber ohne Probleme bewältigt haben. Unterweg trafen wir einen Franzosen, der schon 1.600 km auf dem Tacho hatte, aus der Bretagne kommend und nahezu immer von schlechtem Wetter begleitet.

In Vilalba, wo ich zuletzt im Parador abgestiegen war, haben wir diesmal zu Mittag gegessen und beschlossen, weiter zu fahren, um die Reststrecke nach Santiago zu verkürzen, weil wir ins Ziel gemütlich und ohne große Anstrengungen  fahren wollten. So haben wir Guitiriz als Etappenort ausgesucht, aber entgegen unserer Annahme gab es dort auch nur ein Hotel, das geöffnet hatte, und das war ein sehr gepflegtes Hostal direkt neben einem sehr gepflegten Kurbad-Hotel mit 4 Sternen. Meine attraktive Friseuse in ihrem Laden in Dorfmitte habe ich leider nicht mehr gesehen, wir waren an diesem Samstag einfach zu spät dort angekommen, wo ich vor drei Jahren Schutz vor einem Hagelgewitter gesucht und gefunden hatte.

Am Sonntag sind wir exakt auf den Spuren meiner Tour von vor drei Jahren gefahren, morgens um 7 Uhr hätten wir freilich im Nebel und mit Licht fahren müssen, aber dann hat uns die Sonne den ganzen Tag über begleitet. In Sobrado bei den Mönchen war in der Basilika eine Taufe und Erwin hatte, als wir aus der Kirche kamen, einen Platten. Mein Restaurant, Cafe Bar Real war noch vorhanden und in Betrieb und wie: Es wurde später die große Taufgesellschaft erwartet, so dass wir Glück hatten, vor dieser dort einzutreffen und unser Mittagsmenu mit drei Gängen gleich serviert zu bekommen – für nur 8 Euro inklusive Rotwein, Wasser und Limo, also nur ein Euro mehr als vor drei Jahren.         

Mein/unser Hotel in Rua/O Pino direkt an der # 634 hatte Ruhetag, wir bekamen aber trozdem die Zimmer und zum Essen den Tipp, in das nur 500 m entfernte Restaurant zu gehen. Der Tipp war Spitze, das Restaurant voll, wir mussten warten, bis sie einen neuen Tisch gerichtet hatten, das Essen war hervorragend und der Wein gehörte wie immer zum Menu. Die Anfahrt nach Santiago über die vielen Hügelchen davor, über das Monument und die Refugios am Berg war einfacher geworden, jetzt zum dritten Male schon darf man sich nicht mehr verirren. Nur das gebuchte Hotel schien ein Reinfall zu werden, im 6. Stock eines Altbau-Bürogebäudes, in den wir unsere Räder hätten schleppen müssen, dazu noch mitten an einer Ausfallstrasse am Berg und relativ weit weg von der Fußgängerzone – wir haben einstimmig beschlossen, uns ein neues Hotel zu suchen und dem gebuchten abzusagen.

Wir fanden ein kleines feines Stadthotel auf dem Weg zur Innenstadt, holten unsere Compostela (diesmal war ich wieder Pilger und Gläubiger), genossen die Sonne in Santiago, Carolyn ihr erstes Glas Sangrita in einem der Cafes an der Kathedrale. Am Tag danach in der Pilgermesse, leider ohne Weihrauchkessel-Spektakel, weil es ein Werktag war und sich kein Sponsor hat finden lassen, wurden die drei Alemanos aus Santander begrüsst, die sich nach der Messe auf der Terrasse vom Parador eine Schokolade und eine Torte gönnten, dann die üblichen Bummels machten und am Tag danach mit den Radln zum Busbahnhof fuhren, die Räder mit Plastik verpackten – der eine Busfahrer sagte, das sei nicht nötig, der andere schüttelte bedenklich den Kopf, ob sie so denn mitgenommen werden könnten  - und unser Busfahrer hätte sie am liebsten ohne das viele Plastik eingeladen. Wir fuhren den ganzen Tag wieder zurück vielfach auf unserer Strecke, dann aber durch Oviedo und abends endlich in Santander ein, wir mit dem Radl zurück zum Hotel am Meer, das in der Sonne lag zum Ende einer schönen Tour über 577 km ohne die, die wir in Santander noch gefahren sind.

Fazit: Vieles war so wie vor drei Jahren, der Camino der Erinnerungen war trotz des anfänglichen schlechten Wetters und Windes ein schöner und nicht zu beschwerlicher, Santiago war wie immer voll von Pilgern aus der ganzen Welt. Wir sind, als Radler, wieder mit weniger Leuten ins Gespräch gekommen als wenn wir gewandert wären. 

Und deshalb bleibt als ein Wunsch wiederum zurück, dass ich den Weg auf der traditionellen Strecke doch unbedingt einmal gehen möchte. Auch weil mir das Mystische, das Besinnliche, das Gläubige ebenso wie das Beschwerliche am Camino diesmal völlig gefehlt haben. Ich denke, der heilige Jakob und der liebe Gott haben mehr Aufmerksamkeit verdient. Oder waren meine Sünden wirklich schon nach dem ersten Tag vom Winde verweht?